Betrug an der Wissenschaft


#1

Hey Leute,

im Thread ‘Studienklatsch & Wissenschaftstratsch’ haben sie einige Leute schon ganze rege ausgetauscht, wie die Meinungen zur Wissenschaft sind. Nun musste ich voller Entsetzen diesen Artikel lesen: https://www.spektrum.de/kolumne/die-fehlerkultur-der-wissenschaft/1591994

Wahrscheinlich meines Alters verschuldet lese ich zum ersten Mal von solch einem jahrelang umgesetzten Betrug eines einzelnen Autors, in dem teilweise randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) in die Öffentlichkeit gebracht wurden. Der Wissenschaftler Sato, um den es hier geht, soll laut Bericht Suizid begangen haben. Warum, wie, wo, wann… das ist hier nicht das Thema. Schon nicht zum ersten Mal lese ich nämlich, dass in der Öffentlichkeit große Schei*e geschrieben wird. So gab vor wenigen Monaten auch den Aufschrei, dass irgendwo “fake science” betrieben würde. Und das stimmt. Bestimmte Zeitschriften veröffentlichen eigentlich jeden Artikel, solange bezahlt wird. Umso mehr muss der Appell raus, dass man an der Struktur der wissenschaftlichen Arbeit etwas ändern muss. Und doch beanspruchen viele Wissenschaftler genau jene Journale, um ihre regelmäßige Publikationsfrequenz zu erreichen, da sonst eine Kündigung droht (Publikationsdruck & -zwang :man_facepalming:). Was ein Schwachsinn! :angry: Wissenschaft sollte aus Neugierde und Leidenschaft entstehen, auch wenn Wissenschaft per se einen sehr standardisierten, möglichst objektiven und möglichst unabhängigen Sachverhalt darstellen sollte. Doch so, wie es sich gerade zuzieht, und das erlebe ich auch teils in meiner Uni, wird die Wissenschaft immer minderwertiger in ihren Qualitäten. Diese - wie soll ich es ausdrücken - eigentlich schon zunehmende Verwirtschaftlichung von Wissenschaft ist auch der Grund, warum ich an Hochschulen keine Stelle annehmen würde. Meine vollbrachte Arbeit wäre zwangsläufig nicht die Arbeit, die ich vertreten könnte und wollte.

Was sagt ihr zu dem Bericht? Habt ihr schon so etwas Ähnliches erlebt (Quellen wären top!!:slight_smile:)? Habt ihr Erfahrungen im wissenschaftlichen Arbeiten - und falls ja, was ist euer Statement dazu?

Ich danke für eure Aufmerksamkeit und schönen Tag weiterhin! :blush: :sunny:


#2

“Der Japaner Yoshihiro Sato hat Dutzende Medizinstudien mit Tausenden Patienten gefälscht. Seine Publikationen haben Behandlungsrichtlinien beeinflusst. Wie unsere Recherche in Japan zeigt, nahm sich Sato das Leben, nachdem der Betrug aufgeflogen war.” – NZZ

Ja durchaus ein brisanter Fall.

Doch ich frage mich, was bedeutet das für dich? Ändert das deine Meinung zur Wissenschaft generell?

Scheinbar wurde der Fall nun aufgeklärt - auch das ist Wissenschaft.

“Die Wissenschaft ist auch die Gesamtheit von Erkenntnissen und Erfahrungen” - Wikipedia

Alles, was menschlich ist (u.a. Betrug), ist auch Teil der Wissenschaft.
Ich bin davon überzeugt, dass Wissenschaft “funktioniert”.

“Wissenschaft bezeichnet auch den methodischen Prozess intersubjektiv nachvollziehbaren Forschens und Erkennens in einem bestimmten Bereich, der nach herkömmlichem Verständnis ein begründetes, geordnetes und gesichertes Wissen hervorbringt.” – Wikipedia

Kein anderes System, kein anderer Prozess kann so zuverlässig ein “gesichertes” Wissen hervorbringen.

Also lieber @athletic_typeone: Was folgt für dich daraus? Welche Folgen hat das für dich, wenn auch die Wissenschaft nicht perfekt ist? Ist es klüger die Wissenschaften abzulehnen und sein “gesichertes” Wissen anders zu erweitern? Falls ja, wie? :face_with_raised_eyebrow::wink:


#3

Hey @emanuel,

da ich jetzt auch wieder vom Urlaub zurück bin, hier meine (für das Thema verhältnismäßig kurze) Antwort. :grin:

Wissenschaft als Fundament in unserer Gesellschaft lehne ich per se nicht ab und würde es wahrscheinlich in Zukunft auch nie tun. Immerhin komme ich aus einem wissenschaftlichen Fach und habe dort auch meine wissenschaftlichen Beiträge in Form von Ausarbeitungen und Veröffentlichungen geleistet. Es gibt auch noch die “Guten” unter uns.:sweat_smile: Nur bleibt mein Appell an die Entwicklung der Wissenschaft bestehen.
Die heutige Wissenschaft entsteht nicht allein aus Neugierde und Leidenschaft, wie es früher der Fall gewesen ist. Es gibt einen, schon oben genannten, Publikationsdruck. Deswegen hier meine Gegenfrage (Vorsicht, komplexer Satzbau! :grimacing:): Hat eine (zwangsläufig) gezwungene Veröffentlichung von Papers, die schon vorhandenes Wissen nochmals zusammenfassen oder nochmals bestätigen soll, aber sich keineswegs kritisch mit der Materie auseinanderzusetzen oder zumindest das “fundierte” Wissen zu widerlegen versucht, noch so viel mit einem einem “zuverlässigen” System und “gesichertem” Wissen zu tun? :thinking:

Eine andere Frage: Wie sinnvoll erachtest du Journale, die jeden noch so schwachsinnigen Text oder sogar ernst gemeinte Paper veröffentlichen, ohne sie auf die Gütekriterien oder wissenschaftliche Relevanz geprüft zu haben? Ohne Einhaltung der Gütekriterien tendiert die wissenschaftliche Aussagekraft gegen null. Ohne wissenschaftliche Relevanzeinhaltung entsteht eine inflationäre Veröffentlichung in bereits tausendfach erforschten Bereichen, weshalb der Mehrwert gegen null tendiert.

Die Sportwissenschaft ist glücklicherweise wenig geprägt von Studien-Manipulationen, da hiermit maximal der Ruf des Namens, aber nicht der Umsatz über ein (verkauftes) Produkt gesteigert werden kann. In der Ernährungswissenschaft ist dies schon ein wenig anders (= Nahrungsergänzungsmittelbranche). Am schlimmsten trifft es die Medizin, Pharma sei Dank…
Im deutschen Recht ist eine Studienmanipulation nicht rechtswidrig - für mich unglaublich und nicht nachvollziehbar, aber eine Tatsache. Groß angelegte Studien mit keinen oder negativen Effekten (z. B. über Nebenwirkungen) auf den Menschen werden entweder in die Akten gelegt/vernichtet oder von Ghostwritern übernommen und positive Tendenzen/Korrelationen usw. rausgepickt und verzerrt dargestellt. Das ist eine perfide und meines Erachtens völlig inhumane Form einer Verwirtschaftlichung von relevanten, wissenschaftlichen Themen.

Was ich als Fazit für mich ziehe, lieber Emanuel, ist eine radikal gesteigerte Vorsicht gegenüber Publikationen von (für mich) unbekannten Autoren. Statistische Werte verlieren für mich an Bedeutung, sofern nicht geläufige statistische Berechnungen verwendet werden, da ungeläufige statistische Methoden ganz häufig quantitative Grenzen verschieben und das Ergebnis verzerren. Studien mit Interessenskonflikten werden von mir per se ganz gemieden. Andere Studien, die sehr eindeutige Ergebnisse aufzeigen, aber noch gar keine Referenzen aufzeigen, müssen von mir selbst durchgearbeitet und auf logischem Verständnis überprüft werden. Jede Studie muss transparent, ausführlich und bis in die kleinste Ausführung detailliert protokolliert und vorzugsweise visuell dargestellt werden. Andererseits besteht die Alternative darin, bestimmten Autoren zu vertrauen, die unabhängige Reviews mit selbst gewählten Qualitätskriterien verfassen und kritisch bewerten. So steigt auch die Aussagekraft über die summierten Bündel an unterschiedlichen Studien.

So sind meine Ansätze zur Herangehensweise heutig publizierter Studien. Gerne würde ich auch die Herangehensweise von dir und von euch anderen Lesenden erfahren! :slight_smile:

LG
Adrian