Studienklatsch & Wissenschaftstratsch


#1

Wie gehts euch denn so mit wissenschaftlichen Studien? Ich persönlich bin ja ein großer Fan der Wissenschaften, denn diese erst haben vieles vom dem ermöglicht, was für uns heute selbstverständlich ist.

Was mich stört, ist, dass auch Wissenschafter sensationsgeil sind, kognitiven Verzerrungen unterliegen (u.a. Confirmation Bias) und Journalisten obendrein die Ergebnisse noch verzerrt darstellen.

Und dann haben wir Meldungen wie “Kokosöl ist das reine Gift” und “Omega 3 bringt absolut nichts”.

Heute wurde in den Medien über eine große Meta-Studie berichtet, welche die Wirksamkeit von Vitamin-, Mineralstoff- und Spurenelement-Nahrungsergänzungen untersuchten.

Das Ergebnis: “Nahrungsergänzungsmittel haben keinen Nutzen für die Gesamtbevölkerung”

Details hier.

“Mit Multivitamintabletten werden jährlich Milliardenumsätze gemacht, die Metaanalyse zeigt jedoch klar, dass diese Pillen weder Schlaganfälle verhindern noch die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Von diesen Pillen profitieren nur Hersteller und Verkäufer”

“Wenn man schon Geld ausgeben will, dann ist es ist viel lohnenswerter, auf eine ausgewogenen Ernährung zu achten und in einen Sportverein oder ein Fitnessstudio zu investieren als in Vitamine und Mineralstoffe”

Wenn ihr interessante Studien findet, bitte hier posten :slight_smile:


#2

Ich finde solche Meldungen auch immer voll interessant.
Solche Infos sauge ich immer auf und beobachte wie die Leute dann darauf reagieren und was so passiert, auch dann in den Märkten oder allgemein in der Fitnessbranche
Sag, wo liest/findest du Studien die du dir so durchliest? Suchst du da auf einer speziellen Seite?


#3

Hey Emanuel,

was eine kurze, doch so umfangreiche Frage. :grin:
Seitdem ich nun einige Fachsemester im wissenschaftlichen Bereich hinter mir habe, bin ich so kritisch wie nie zuvor gegenüber wissenschaftlichen Publikationen. Es heißt ja: “Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.” Und was soll ich sagen… nachdem ich gesehen hatte, dass schon in der Sportwissenschaft die Methodik teilweise nicht komplett beschrieben wird, darf man schon mal sehr kritisch bzgl. des ganzen Studiendesigns werden. Insbesondere dann, wenn man sieht, wie die Methodik in der Praxis umgesetzt wird. Normalerweise muss man sich an Gütekriterien halten, u. a. die Obejektivität. An der Durchführungsobjektivität würde wahrscheinlich nahezu jede Studie, die mit Menschen zu tun hat, scheitern. Im psychologischen Raum wird dies deutlich strenger gehandhabt, aber auch da schleicht sich menschliches Versagen ein, so einfach ist das.
Wurde die Studie durchgeführt, liegen die nächsten Fallen in der Statistik. Und oh Gott, können da viele Missgeschicke passieren. Wenn ein Ergebnis aus einer Studie nicht ganz klar ist, dann muss man entweder von Zufall oder von einem Verzetteln der Daten ausgehen. Ist das Ergebnis sehr eindeutig, kann man davon ausgehen, dass unbrauchbare Probanden rausgestrichen wurden, damit die Publikation supertoll wird. Und sind Standardabweichungen oder Korrelationen mal nicht so toll, wird einfach der Standardfehler genommen und/oder die Schwellenwertre für die Korrelationsberechnungen verändert. Einfach nur wow. :sweat_smile:
Deshalb bin ich ebenfalls ein großer Fan von Meta-Studien, sofern die Kriterien bzw. das Design dieser Studien gut und sinnvoll ausgearbeiet worden sind. Und deshalb bin ich immer offener für Erfahrungswerte aus dem Alltag (z. B. für die “alte” Trainingslehre, die ggf. noch keine wissenschaftliche Basis hat). In vielen Disziplinen hinkt die Wissenschaft da hinterher, wo die Praxis schon festen Boden gefasst hat.

Mal ganz abgesehen davon möchte ich nochmal darauf verweisen, dass eigentlich jede finanziell unterstützte / gesponserte Studie gaaanz genau anzuschauen ist. Ganz häufig sind sie sehr lückenhaft. Anders deine verlinkte Studie, die sogar kostenfrei zur Verfügung steht und viele Daten preisgibt. Schon allein die Transparenz wirkt offen, ehrlich und nicht-suggestiv. Ferner wurde eine ausführliche Diskussion angehängt. So blöd wie das ist: Ob eine Studie gut, zuverlässig und repräsentativ ist, muss man am Ende für sich selbst entscheiden. Lesen, nachschauen, vergleichen… eine Menge Zeit und Arbeit. Deshalb lesen die meisten halt nur die Abstracts. :man_shrugging: Fast schon nachvollziehbar, bei so vielen (schwer zu lesenden) Publikationen weltweit.

LG
Adrian


#4

Ich tu mir dann immer schwerer was ich glauben soll und das ist schon sehr traurig…
Was ist eurer Meinung nach die Studienart mit der meisten Aussagekraft? Meta-Studie oder randomisiert, Doppelblind-Studie?


#5

Für mich sehr eindeutig RCT - randomisierte Doppelblindstudien.
In Metastudien und Reviews werden oft auch Beobachtungsstudien/Korrelationsstudien mit reingenommen und im zusammenfassenden Discussion-Teil mit-reininterpretiert, und das finde ich oft problematisch.

Daher ist für mich die Anlaufstelle No. 1 Examine.com -> dort werden für viele NEMs Studien nach “Robustheit” gereiht aufgelistet.

lg


#6

Randomisierte Doppelblindstudien haben sicher die beste Aussagekraft. Die sind allerdings in manchen Bereich nicht (oder nur unter hohem Aufwand) durchzuführen. Für einen schnellen Überblick auch ernährungsrelevanter Themen ist die Seite https://www.medizin-transparent.at ein guter Einstieg. In den Beiträgen wird auch immer auf die ausgewerteten Studien verwiesen, da kann man sich weiter vertiefen.


#7

Danke, TOP Adresse :slight_smile:


#8

Das Thema finde ich super spannend und ich würde mich freuen, wenn hier ein reger Austausch entstehen würde. Selbst wenn man sich schon länger mit dem Thema auseinandersetzt ist das “raussieben” immer wieder schwierig.

Ich finde es auch total spannend, wie die Gesellschaft darauf reagiert. Gesundheit ist ja heutzutage durchaus ein sehr relevantes Thema. Sobald die nächste Sensationsmeldung kommt stürzen sich alle drauf. “Das muss gut sein!”, “Das will ich auch!”, usw. Teilweise finde ich das schon erschreckend, weil es eben auch bedeutet, dass wir total vergessen haben uns ganz normal und gesund zu ernähren.

Die Wissenschaft ist super, aber teilweise wird aus einer normalen Ernährung in den Medien zu viel Wissenschaft gemacht. Wisst ihr was ich meine? :wink:


#9

Ja, genau! Ernährung zu verstehen war eigentlich noch nie so einfach… und so kompliziert zugleich.

Biesalski (Ernährungsmediziner) beschreibt gesunde Ernährung in seinen Werken immer sehr prägnant, eigentlich total einleuchtend und trotzdem kommen nach ihm hunderte Autoren, die es “besser wissen” (wollen).

Letztens habe ich einen Artikel bei der ZEIT Online gelesen… ja, dazu kann man sich mal ein eigenes Bild machen, wenn man sich anschaut, was die Autorin so studiert und in ihrem Leben gemacht hat. Die finanzierten Studienverweise hätten auch nicht sein müssen.:roll_eyes: Wollen wir mal ganz von den Studienmethoden absehen.
Und sowas bleibt dann bei der Masse an Lesern hängen.

Deswegen ist Wissenschaft aber auch so schwierig. Man müsste jede einzelne Quelle selbst durchschauen - und das ist selbst für mich teilweise viel zu viel Aufwand. Gewissermaßen hat man dann lieber “Vertrauen” auf bestimmte Autoren und Journale und “hofft”, dass hier nur Gutes bei rumkommt, ohne alles kritisch hinterfragen zu müssen.